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Zahnärztin Ina Prophet pilgerte fast 700 Kilometer auf dem Jakobsweg.

Pilgern auf mecklenburgisch

 

Zahnärztin Ina Prophet legte im Frühsommer 2012 fast 700 Kilometer zu Fuß zurück: Die Rostockerin pilgerte auf dem Jakobsweg ins spanische Santiago de Compostela. Mit Delüx sprach die 40-Jährige über ihre Erlebnisse und Einsichten:

 

War das Wandern auf dem Jakobsweg ein alter Traum von dir oder ein kurzfristiger Entschluss?

Ich träume diesen Traum seit sechs, sieben Jahren. Als ich Anfang 30 war, traf ich jemanden, der diesen Weg gegangen ist. Danach habe ich das Thema zunächst aus den Augen verloren. Eines Morgens wusste ich: 2012 werde ich den Jakobsweg gehen. Da werde ich 40, und ich schenke mir diese Erfahrung selbst zum Geburtstag.

 

Wie hat dein Umfeld auf deinen Entschluss reagiert?

Mein Mann wusste, dass das Thema schon lange in meinem Kopf arbeitet. Er war sofort dafür und hat mich dann zwei Tage auf dem Jakobsweg begleitet. Meine Eltern und Schwiegereltern und unsere 12-jährige Tochter fanden meinen Entschluss interessant, waren aber andererseits besorgt. Unsere beiden Kleinen, 9 und 5, hatten noch nicht verstanden, was auf sie zukommt. Und im Bekanntenkreis reichten die Reaktionen von Begeisterung bis Kopfschütteln.

 

Worum drehte sich die Besorgnis?

Einerseits darum, dass mir etwas zustoßen könnte, wenn ich mich allein auf den Weg mache. Andererseits darum, dass etwas in mir passiert, was mich verändert hat, wenn ich wiederkomme. Also um die Unsicherheit: Was ist danach?

 

Hat dich der Gedanke beschäftigt, dass sich etwas in dir verändern könnte?

Natürlich stellt man sich diese Frage, man weiß ja nicht genau, was passiert. Aber ich hatte keine Sorge, dass sich etwas in meinem Leben zum Negativen verändert. Es war eher so, dass ich immer gedacht habe, es kann eigentlich für alle nur gut sein, wenn ich diesen Weg gehe.

 

Mit welchen Erwartungen wolltest du den Weg des Heiligen Jakob gehen?

Ich habe gehofft, dass ich wieder zu einer Ruhe zurückfinde. Dass ich auf bestimmte Fragen Antworten finde. Oder dass neue Fragen auftauchen. Aber vor allem wollte ich wirklich Stille und aus dieser Stille heraus den Kopf frei kriegen. Außerdem habe ich eine gewisse Affinität für Spanien. Die Sprache, die Menschen und die Lebensart mag ich sehr. Deswegen bin auch diesen Teil des Jakobsweges gegangen.

 

Wie lange hast du dich vorbereitet?

Ein halbes Jahr, bevor ich losgegangen bin, habe ich mir neue Wanderschuhe gekauft und bin einmal die Woche 20 Kilometer an der Küste und durch die Wälder gelaufen, um meinen Körper auf das vorzubereiten, was kommt. Meine Ernährung habe ich beschränkt; alles Süße, Kaffee und Genussmittel weg gelassen, versucht, mit wenig Obst und Gemüse über den Tag zu kommen. Ich wollte in der Pilgerzeit wirklich asketisch leben: gehen, essen, schlafen. Beim Packen habe ich mich sehr beschränkt; an Kleidung hatte ich nur das Minimale mit – einmal zum Laufen und einmal zum Wechseln. Waschen und trocknen muss man in den Tagesablauf integrieren. Am Ende hatte ich hatte nichts zu viel und nichts zu wenig bei mir – bei sechseinhalb Kilo Gepäck mit Rucksack. Mein einziger Luxus war das Handy.

 

Wie sah deine Streckenplanung aus?

Ich hatte mir vorgenommen, 25 Kilometer am Tag zu laufen. Von Pamplona bis Santiago sind es insgesamt 680 Kilometer, die ich in vier Wochen schaffen wollte. Wobei ich von Pamplona aus noch ein Stück mit dem Bus gefahren bin. Richtig losgelaufen bin ich erst in dem Ort Viana. Dort habe ich mir den ersten Pilgerstempel geholt, einen sehr besonderen Stempel mit drei Symbolen für Feigen, Öl und Liebe. Ich hatte nicht den Anspruch, an jeder Pilgerstation Halt zu machen, aber dieser besondere Stempel sollte mein Einstieg in den Jakobsweg sein.

 

Mit welchem Gefühl bist du aufgebrochen ?

Also, ich hab‘ für einen Moment ein bisschen Angst vor meiner eigenen Courage bekommen. Du hast zwar ein Ziel, weißt aber nicht, wie der Weg sich dorthin gestaltet. Allerdings habe ich ein gewisses Grundvertrauen, und das hat mir geholfen. Ich hatte auch keine Karte mit – es gab einfach keine, die mir vom Maßstab her hilfreich erschien. Ich vertraute den Kartenausschnitten zu den Tagesetappen in meinem Reiseführer und den Zeichen am Weg, den gelben Muscheln. Ich wusste immer, wo ich bin und habe mich nicht ein einziges Mal verlaufen, selbst in den großen Städten nicht.

 

Gab es einen Punkt, an dem die Strecke für dich schwierig wurde?

Schwierig wurde es tatsächlich schon am ersten Abend. Ich war ja erst mittags losgelaufen und hatte mir trotzdem ein großes Pensum gesetzt. Nach 21 Kilometern gab es einen Ort, an dem ich hätte übernachten können. Aber dort hat es mir nicht gefallen, und in meinem Pilgerführer wurde sieben Kilometer weiter eine Herberge sehr empfohlen. Da wollte ich hin. Aber dann wurde es plötzlich unheimlich stürmisch, der Wind kam von vorne. Es wurde schon dunkel, und ich wusste nicht, ob ich dort einen Platz kriege. Die letzten zwei; drei Kilometer hatte ich das Gefühl, auf dem Zahnfleisch zu kriechen. Da habe ich zum ersten Mal gedacht: Bin ich denn völlig verrückt? Was mache ich hier eigentlich? Am Ende meiner Kräfte bin ich der Herbergsmutter in den Arm gefallen.

 

Wurdest du für das stürmische Etappen-Ende entschädigt?

Ja, ich bekam eine sehr herzliche Umarmung von der Wirtin und ein Glas Wasser aus der Quelle, die über ihr Grundstück lief, und das einzige freie Einzelzimmer in der Herberge. Ich bin sofort ins Bett gefallen. Morgens um sechs Uhr hat die Wirtin gregorianische Gesänge abgespielt, die sie eine Stunde lang immer lauter werden ließ, so dass man Zeit hatte, auf die Beine zu kommen. Das war wunderschön, und ich wusste, ich habe alles richtig gemacht. Um 8 Uhr nach einem kleinen Frühstück war ich wieder auf dem Weg.

 

Hast du irgendwann deinen Aufbruch bedauert?

Ja, aber im Nachhinein weiß ich, dass die Zweifel dazugehören, um einen Gang runterzuschalten. Die ersten vier Tage im Baskenland waren sehr gut. In Navarra fing das schlechte Wetter an. Für 14 Tage hatte ich Sturm, Dauerregen und Kälte, 8 bis 10 Grad. Ich bin den ganzen Tag mit nassen Sachen gelaufen, hatte immer Eishände und brauchte eine Kopfbedeckung. Das war die Zeit, in der die Zweifel kamen. Für mich war es zuerst extrem wichtig, mich lauthals über das Wetter aufzuregen. Ich habe wirklich laut gesagt: Bin ich eigentlich völlig verrückt, wieso liege ich nicht zu Hause auf der Couch, sondern laufe hier durch Kälte und strömenden Regen? Ich hatte auch nicht damit gerechnet, dass es mitunter zweimal Tag auf 1500 Meter hoch und wieder runter ging. Du kommst wirklich ans Ende deiner Kräfte, physisch und psychisch. Dann stellst du dir die Frage: Warum machst Du das eigentlich?

 

Wie hast du dir diese Frage beantwortet?

In der Situation gar nicht. Aber später gab es einige Momente, in denen ich das Gefühl hatte, dass ich für meinen Aufbruch belohnt werde. Zum Beispiel hatte ich nach anderthalb Wochen erstmals das Gefühl, dass ich nichts mehr zum Nachdenken habe. Ich bin wirklich vor mich hingelaufen und dachte: Es gibt nichts mehr zu denken! Das war unglaublich! Ich war leer! Und in den Nächten habe ich Dinge geträumt, die mir vor zwanzig oder dreißig Jahren passiert sind, und die ich gar nicht mehr wusste! Der Kopf war so frei, dass diese ganz tief sitzenden Erinnerungen hochkommen konnten. Und die Freiheit, selbst zu bestimmen, wie der nächste Tag aussieht, sich dabei auf das Existenzielle zu beschränken, das habe ich als extremen Luxus empfunden.

 

Woher nahmst du die Gewissheit, die 700 Kilometer Fußweg zu schaffen?

Ich hatte nie das Gefühl, dass ich aufhören muss. Wenn es am schlimmsten war, dann schien für ein paar Momente die Sonne! Zum Beispiel an einem völlig verregneten Ort: Ich dachte, schade, hier hätte man eigentlich die schönste Aussicht – und da riss wirklich für einige Sekunden der Himmel auf! Ich habe die Hände in die gleißende Sonne gehalten und hatte für einen Moment schneeweiße Handflächen. Ich dachte: Danke! Ich bin noch da, und ich bin nicht allein, und ich finde auch wieder ein Bett und was zu essen! Das war wirklich toll! Für die letzten fünf Tage hatte ich mich mit einem Ehepaar aus Bamberg zusammengeschlossen; Wir waren uns schon mal in einer Herberge begegnet. Die beiden haben ihre Pilgerwanderung vor sieben Jahren in Deutschland begonnen und sind jedes Jahr ein Stück auf dem Jakobsweg gelaufen. Ich bin also die letzten fünf Tage ihrer 2000-Kilometer-Pilgerwanderung mitgegangen und bin mit ihnen – zwei Tage eher als geplant – in Santiago angekommen.

 

Wie hast du dich gefühlt, als du in Santiago de Compostela angekommen bist?

Unser Endspurt war etwas überstürzt. Wir sind zu dritt jeden Tag 32 bis 35 Kilometer gegangen und haben die letzten 21 Kilometer nach Santiago sogar so schnell abgerissen, dass wir die Sonntagmittagmesse in der berühmten Kathedrale noch erreichen konnten. Auf dem Platz vor der Kathedrale hab‘ ich dann gedacht: Du hast es geschafft. Du bist alleine diesen Weg zu Fuß gegangen, und du stehst jetzt vor dieser Kathedrale! Es war ein Gemisch aus völligem Kaputtsein und Freude und auch ein bisschen Trauer darüber, dass es vorbei ist. Es war gut, dass ich nicht allein war. Dann haben wir unsere Urkunden abgeholt und uns ein Zimmer gesucht. Ich habe ein paar Stunden geschlafen und beschlossen: Ab jetzt bin ich kein Pilger mehr, ab jetzt bin ich Tourist. Ich bin zurück auf diesen Platz gegangen. Da kommen dauernd Pilger an; du siehst Leute, die du unterwegs getroffen hast, und die sich freuen, dass sie empfangen werden. Wir haben die ganze Nacht gefeiert. Später habe ich eine deutschsprachige Führung zur Kathedrale mitgemacht und bin auch noch in eine Messe gegangen. Ich habe die Jakobsstatue berührt und die Reliquien besehen. Zum Abschluss bin ich tatsächlich mit dem Bus ans Kap Finisterre gefahren, um den Sonnenuntergang abzuwarten. In diesem Licht soll sich ja alles lösen… Danach erstmals wieder in die andere Richtung zu gehen – das war traurig und schön zugleich.

 

Bist du noch dieselbe, die du warst, bevor du dich auf den Weg gemacht hast?

Ich glaube einerseits, dieselbe geblieben zu sein. Andererseits bin ich entspannter – mit meinen Kindern, bei der Arbeit. Ich sehe Dinge gelassener, die ich nicht ändern kann. Ich bin aufnahmefähiger, halte wieder mehr aus. Und ich wichte jetzt anders, es kommt mir mehr als vorher auf Grundwerte an.

 

Hat dein Glaube sich verändert?

Der ganze Weg hat mich getragen und mir gezeigt, dass etwas da ist, das mich führt. Ich versuche das meinen Kindern weiterzugeben: dass man glauben kann, ohne wissen zu müssen. Für mich gibt es da keinen Zweifel.

 

Würdest Du wieder pilgern?

Ja! Ich mach‘ es nochmal, ich weiß es. Es hat sich so eine Sehnsucht entwickelt. Ich will ja auch die Pyrenäen schaffen. Und es gibt noch viele Wege, die man gehen kann. Ich bin so froh, dass ich mich auf den Weg gemacht habe. Das war für mein Leben eine echte Bereicherung.

Interview: MARTINA PLOTHE

Erschienen in Rostock delüx, Ausgabe 4/2012

 

www.deluex-magazin.de

 

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