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Stadtbekannt: Archvar Hans-Werner Bohl.

Rostock ist der Boden, der mich nährt

 

38 Jahre hütete Hans-Werner Bohl die Schatzkammer der Rostocker Geschichte – und trug als Autor vieler Bücher dazu bei, dass diese nicht in Vergessenheit gerät. Jetzt verabschiedet sich der Stadtarchivar, der eigentlich Lehrer werden wollte, in den Ruhestand.


Der Krieg ist gerade drei Jahre vorbei, als Hans-Werner Bohl im August 1948 in der elterlichen Wohnung in der Bremer Straße das Licht der Welt erblickt. Der Junge wächst auf in der Gegend „um den Saarplatz herum“. Sein Großvater, Tischler und „ein belesener Mann und Kenner der Stadtgeschichte“, nimmt ihn beizeiten an die Hand, zeigt ihm Rostocks Innenstadt. „Ich erinnere mich an die zerstörten Kirchen, an Sankt Petri und Sankt Jacobi – der Anblick war bedrückend“, erzählt Hans-Werner Bohl, der als Kind auch den Wiederaufbau der Langen Straße miterlebt. Mit dem Vater, der als Hausverwalter der Wohnungsverwaltung Quartiere an der Tweel, in der Kröpeliner-Tor-Vorstadt und in Reutershagen betreut, ist er oft in den Straßen unterwegs, die er zuvor Dutzende Male auf dem Stadtplan an seinem Bettpfosten mit den Augen abgeschritten hat: „Als Siebenjähriger kannte ich in Rostock alle Straßen", schmunzelt Hans-Werner Bohl.

 

Mit zwölf verschlingt er im Geschichtsbuch seiner älteren Schwester die Texte über Bedeutsames aus der jüngeren Vergangenheit. Im Bücherregal der Mutter schließlich, in dem sich auch Sachbücher zu Rostocks Historie finden, entdeckt er Hans Bernitts 1954 aufgelegte Geschichtsdarstellung „Vom alten und neuen Mecklenburg“. „Dessen Kapitel zu den Bombenangriffen auf Rostock hat mich fasziniert“, erinnert sich Hans-Werner Bohl.

 

Als Stadtarchivar kommt er später oft auf die dramatischen Bombennächte am 26. April 1942, am 1. und 2. Oktober 1942 und am 24. Februar 1944 zurück; in Veröffentlichungen und Vorträgen greift er das Thema wieder und wieder auf. „Die Bombenangriffe verursachten einen fürchterlichen Einschnitt ins Stadtbild“, bedauert Bohl, der Eindrücke der Vorkriegsstadt mit ihren unversehrten Mauern mit Stadtarchivdirektor Dr. Karsten Schröder unter anderem in dem Buch „Rostock, wie es einmal war“ zusammengestellt hat.

 

Seine Berufung führte den jungen Bohl allerdings keineswegs schnurgerade ins Archiv der Hansestadt. „Als Kind wünschte ich mir einen Beruf, der was mit Schienen zu tun hat“, erinnert sich der 63-Jährige, der seinerzeit aus dem Fenster der elterlichen Behausung in der Fahnenstraße die beste Aussicht auf das Treiben im Depot der Rostocker Straßenbahn hatte. Mit zehn beginnt er, sich für die Modelleisenbahn zu begeistern – „Ich habe mein ganzes Taschengeld in die elektrische Eisenbahn gesteckt!“ Später weitet sich das Interesse auf die echten Schienenfahrzeuge aus, denen er am Hauptbahnhof stundenlang zusehen kann. Reichsbahnfacharbeiter will er werden, als ihm, 14-jährig, mit der Aufnahme an die Erweiterte Oberschule die Wahl eines Berufes abverlangt wird. Aufgrund eines Augenfehlers muss er umsatteln und bestreitet schließlich – wie damals üblich – neben der vierjährigen Vorbereitung auf das Abitur auch eine Berufsausbildung, und zwar zum Kfz-Schlosser. Dem anschließenden Maschinenbaustudium an der Sektion Schiffstechnik der Uni Rostock entsagt er nach zwei Jahren; ab 1969 studiert er hier Geschichte und Germanistik – mit der Aussicht auf eine Anstellung als Lehrer.

 

Nach nicht zufriedenstellendem Stimmtest im zweiten Studienjahr befolgt Hans-Werner Bohl den Rat seiner Mentorin, „doch mal ins Stadtarchiv zu Dr. Witt“ zu gehen. „Damit war für mich die Linie klar“, lacht Bohl. Noch als Student übernimmt er die ersten Aufträge für das bis 1988 von Horst Witt geleitete Archiv. Im Sommer 1973 bearbeitet und verteidigt er seine Abschlussarbeit über das „Mühlenwesen in Rostock von 1780 bis 1870“; Mitte August – kurz zuvor hat er geheiratet – bestreitet Hans-Werner Bohl im Stadtarchiv Rostock seinen ersten Arbeitstag als wissenschaftlicher Mitarbeiter.

 

In den folgenden fast vier Jahrzehnten avanciert der Mann, der Ende der 1980er-Jahre nach dreijährigem Fernstudium auch die Qualifikation zum Facharchivar in der Tasche hat, zur tragenden Säule in Rostocks Archiv.

Zu den Schätzen, die er bewahrt, sortiert, dokumentiert, über die er spricht und schreibt, und die er bedarfsweise der Öffentlichkeit präsentiert, gehören Bilder – Fotos, Ansichtskarten, Stadtpläne, Bauzeichnungen, Theaterzettel. Über die Öffentlichkeitsarbeit in Gestalt von Vorträgen und Führungen „konnte ich auch ein bisschen Lehrer sein“, freut sich der Dokumentar, zu dessen Aufgaben auch das Führen der Zeittafel für die Stadtchronik gehört. Obgleich er sein „Haupttalent eher im Wort als in der Schrift“ erkennt, hat sich Bohl als Autor zahlreicher Publikationen einen Namen gemacht – darunter „Alt-Rostock auf den ersten Blick“, „Rostock – ein verlorenes Stadtbild“, „Rostocker Chronik“, „Die Bestände des Archivs der Hansestadt“  und natürlich „Bomben auf Rostock“.

 

In diesen Tagen geht der Archivar, zu dessen Lieblingsorten neben Warnemünde und dem Gehlsdorfer Ufer der ruhige Schillerplatz ebenso wie der belebte Universitätsplatz  gehören, in den Ruhestand. Er wird dann Zeit haben für sein privates Archiv, für Garten und Enkelkind, für Modellbahn und Papierfliegerbau, fürs Unterwegssein und Fotografieren in seiner Stadt, in der für ihn „jede Ecke ihren Charme“ hat.

 

„Ich wollte hier nie weg. Rostock ist der Boden, der mich nährt. Ich bin ein Urgestein, das sich nicht gerne wegbewegt“, sagt Hans-Werner Bohl. Die Sesshaftigkeit hat ihm die Mutter in die Wiege gelegt: „Auch sie hing an Rostock.“

MARTINA PLOTHE

Erschienen am 02.09.2011 bei www.das-ist-rostock.de

 

 

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