Menschen

Mecklenburger mit italienischen Wurzeln

 

Nach neun Jahren in der Groß Kleiner Ufergemeinde wird Marcus Antonioli in sein Amt als Pastor der Heiligen-Geist-Gemeinde eingeführt.

 

Als Marcus Antonioli 1970 in Hagenow zur Welt kommt, verknüpft man seinen Familiennamen dort seit gut sechs Jahrzehnten mit solidem Handwerk: 1906 hatte sein aus Italien stammender Urgroßvater Herminio Antonioli in der mecklenburgischen Kleinstadt sein „Terrazzo-Mosaik-Spezialgeschäft“ gegründet; heute führen Vater und Bruder des Marcus Antonioli die Kunst des Terrazzo- und Natursteinlegens in dem Familienunternehmen fort.

 

Der junge Antonioli, „ursprünglich katholisch aufgewachsen“, fühlt sich allerdings weniger dem traditionellen Handwerk des väterlichen Familienzweigs verbunden als vielmehr dem Betätigungsfeld des Großvaters mütterlicherseits, eines Diakons der evangelischen Kirche. „Mit 14 habe ich die evangelische Jugendarbeit für mich entdeckt“, erzählt Antonioli, dessen Familie sich dem politischen System der DDR von Anfang bis Ende „total verweigert“. Er zehrt u. a. von Themenabenden der jungen Gemeinde, auf denen es unter dem Vorzeichen des Aufbegehrens durchaus „sehr politisch“ zugeht. An der Erweiterten Oberschule in Boizenburg, in deren Internat die Staatssicherheit unverhohlen ein Büro betreibt, entgeht er mehrfach nur knapp dem Rauswurf. Im Sommer 1989 – „wider Erwarten“ das Abitur in der Tasche, die „Schwester gerade über die Donau geflohen“ – geht der Wehr- und Zivildienstverweigerer Marcus Antonioli nach Leipzig, um an der Kirchlichen Hochschule Theologie zu studieren.

Plötzlich begegnet ihm der zivile Ungehorsam aus dem Gemeindekeller auf der Straße. Er drängt sich mit Protestierenden vor dem Stasi-Knast, gerät aus dem Häuschen, als „in meiner Studentenbude“ eine Regionalgruppe der SDP gegründet wird. Dann erfasst den angehenden Theologen kurzzeitig eine Sinnkrise: Vor dem Herbst 89 hätte er „nichts anderes studieren“ wollen, erinnert er sich, jetzt aber „stand uns die Welt offen“.

Marcus Antonioli bleibt der Theologie treu, verlegt seinen Studienort allerdings für ein Jahr ins südindische Bangalore, die Heimat einer Minderheit indischer Christen. Hier widmet er sich, noch im Bann der friedlichen Herbstrevolution, unter anderem Mahatma Gandhis gewaltlosem Widerstand gegen die britische Kolonialmacht zu Beginn des 20. Jahrhunderts – und er ergründet das Miteinander in „einer Gesellschaft, die nicht vom Christentum geprägt ist“.

„Der Hinduismus ist zuallererst eine soziale Ordnung“, hat Antonioli erfahren. Obgleich „arm und reich friedlich nebeneinander“ existieren, hält er das religiöse Grundverständnis im indischen Kastensystem, jeder habe sein Schicksal verdient, für „eine unbarmherzige Sicht“. Kommilitonin Hmai teilt sein von christlicher Nächstenliebe geprägtes Empfinden: Die junge Christin aus dem nordostindischen Bundesstaat Mizoram zieht nach Abschluss ihres Theologie-Studiums zu Marcus Antonioli nach Leipzig und wird seine Frau.

Seinem Vikariat in Bad Doberan folgt der dreieinhalbjährige Einsatz als „Pastor auf dem Land“ in Altkalen; schließlich zieht die Familie – inzwischen angewachsen um Tochter Sophia und Sohn Samuel – nach Groß Klein, wo Antonioli neun Jahre lang der Ufergemeinde vorsteht. „Gemessen an den Möglichkeiten, die Kirche dort hat, ist die Gemeinde ein geschliffener Edelstein“, beurteilt der Pastor das über Jahre gewachsene Zusammenwirken ortsansässiger Christen mit Zugezogenen aus Russland oder mit „Menschen, die mit Kirche wenig am Hut haben“.

In der vom Zu- und Wegzug junger Familien und Studenten geprägten Kröpeliner-Tor-Vorstadt, in deren Heiligen-Geist-Gemeinde er am 2. Oktober ins Pastoren-Amt eingeführt wird, erblickt Antonioli indes „ein riesiges Potenzial“: „Das Durchschnittsalter der ca. 2000 Gemeindeglieder liegt bei 34 Jahren; 50 Prozent sind Leute zwischen 20 und 30“, berichtet der 40-Jährige, der aus eigener Erfahrung weiß, dass sich „in dieser Altersgruppe das Leben jederzeit kurzfristig ändern kann“.

Antonioli, der seit seiner Ankunft in der Vorstadtgemeinde – deren Pastorenstelle war nach dem Wechsel von Johannes Wolf zur Militärseelsorge für sieben Monate unbesetzt – „zwei Konfirmandengruppen initiiert, die junge Gemeinde neu formiert und die Seniorenarbeit fortgeführt hat“, will den Rahmen für seine Arbeit deshalb keinesfalls zu eng fassen. „Ich bin offen für das, was gebraucht wird“, erklärt der Pastor, der als Propst in Rostock zudem gemeindeübergreifende Projekte koordiniert. Den Vorstädtern will er zunächst „Räume eröffnen“, in die sich jeder nach eigenem Ermessen einbringen kann – vom Ideengeber bis zum Organisationstalent, vom Vortragenden bis zum Laienschauspieler. „Ich bin ein Typ, der keine Langeweile mag“, sagt Antonioli, der seiner neuen Aufgabe ebenso „freudig-gespannt“ wie gelassen entgegen sieht: „Ich vertraue darauf, dass Gott die Menschen bewegt – sogar diejenigen, die nichts davon merken.“

MARTINA PLOTHE

Erschienen am 30. September 2011 bei www.das-ist-rostock.de

 

 

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