Kirche

Margritta Kurp hielt die Fäden für die Rettung der Kirche des Ortes Kloster Wulfshagen in der Hand.

Ungeahnte Rettung

 

Aufgegebenes Gotteshaus in Kloster Wulfshagen ist wieder erstanden

 

Auf dem Hügel will der herbstliche Wind ihr die Silben von den Lippen reißen. Doch Margritta Kurp lässt sich das Wort nicht entziehen. Den Wikingern, so erzählt sie, galten natürliche Erhebungen wie diese am nördlichen Rand des Dorfes Kloster Wulfshagen als Orte des Sammelns und des Dankens. Später bauten Christen in missionarischer Absicht ihre Kirchen auf solche „heidnischen Kraftplätze“ – und setzten ihre Gotteshäuser damit wiederum „der Energie dieser besonderen Orte“ aus, erklärt sie dem älteren Paar, das auf der Durchreise an die Ostsee hier fix „das Kloster ansehen“ will.

 

Nein, ein Kloster hat ihr stiller, der Stadt Marlow angegliederter Ortsteil keineswegs zu bieten. Stattdessen aber ein reizvolles Fachwerkgemäuer mit spitzem Ziegeldach und hölzernem Glockenturm: „Vor der Restaurierung musste man zweimal hinsehen, bevor man das Gebäude als Kirche erkannt hat“, schmunzelt Margritta Kurp. Die Bezeichnung Kloster im Ortsnamen indes geht zurück auf das Ribnitzer Klarissenkloster, das die Ortschaft Zepelin-Wulfshagen Ende 1730 der Familie von Zepelin abkaufte – sie hatte seit Mitte des 14. Jahrhunderts über die 1233 erstmals erwähnte Siedlung geherrscht. 1865 schließlich hatte das Ribnitzer Kloster sein Gut in Wulfshagen auf 99 Jahre an die von Neumanns verpachtet. Die Gutsbesitzerfamilie, deren verwitterte Grabmahle vis-a-vis der Westmauer der Kirche zu sehen sind, war 1945 vertrieben worden.

 

Dann zückt sie den Schlüssel; fast feierlich öffnet sie die schwere hölzerne Kirchentür: Gestatten, Kirche Kloster Wulfshagen! Zartlila und lindgrün heben sich die Wände von den bräunlichen Ziegelquadern des Bodens ab; acht schlichte, dreiteilige Rauten-Fenster lassen viel Tageslicht in den stromlosen Raum. Unter dem hellen Tonnengewölbe ein prächtiger Flügelaltar mit Reliefschnitzereien und Gemälden („eine Mischung aus Gotik und Barock“), die Kanzel mit Wappen („oben die der Zepelins“) und Inschriften („Also heft Godt die Welt gelebt“). Pastorenstuhl, Patronatsloge und Gemeindegestühl sind aus Eichenholz, ebenso wie die Empore, unter der sich die Tür zum Glockturm verbirgt. Ein blasebalgbetriebenes Harmonium („eines der ältesten bespielbaren Instrumente seiner Art“) komplettiert die Einrichtung.

 

Als Margritta Kurp im Frühjahr 2001 zum ersten Mal vor dem verlassenen, zugewachsenen Gemäuer steht, überkommt sie das Gefühl, „das Kirchlein“ sei ihr jetzt zugedacht als „neue Aufgabe“, die sie sich gewünscht hat, nachdem sie aus Ramelsloh in der nördlichen Lüneburger Heide nach Kloster Wulfshagen in Nordvorpommern umgezogen ist. Die kleine Kirche, vor 350 Jahren als Ersatz für die im 30-jährigen Krieg zerstörte Vorgängerkirche errichtet und 1998 von der Landeskirche vorerst aufgegeben, hat es ihr angetan. „Der Schnitzaltar aus dem 14. Jahrhundert stand vermutlich schon in der Vorgängerkirche“, sagt sie, auch einige bemalte Ziegel an der Nordseite sollen der alten Kirche entstammen.

 

Margritta Kurp fängt damals einfach an. Die zu zwei Dritteln eingefallene Friedhofsmauer befreit sie vom Müll und setzt Zimbelkraut, das wucherndem Wildwuchs die Nahrung entzieht. Lieselotte Sefkow aus Barth, die mit ihrem Mann 1999 eine große Summe für den Erhalt der Kirche gespendet hat, geht ihr dabei zur Hand. Später rücken etwa 40 Leute aus der Kirchgemeinde und deren Umfeld der wilden Deponie auf dem Friedhof zuleibe. Zu jenem Zeitpunkt wagt niemand zu hoffen, dass die Kirche ganz und gar wiederersteht. Zumindest aber sie soll nicht vor der Zeit zur Ruine werden.

 

2003, im Gründungsjahr des Fördervereins für die Kirche, wird mit Patronatsmitteln die Neudeckung des Daches mit alten Biberschwanzziegeln vollendet, die 2001 mit der Sefkowschen Spende begonnen hatte. Zwei Jahre später wird der Glockenturm saniert, die Glocke aus dem 15. Jahrhundert kann seither wieder geläutet werden. Bevor die Kirche 2007 zur Großbaustelle wird, sind Altartisch und Harmonium überarbeitet, die schmiedeeisernen Kerzenhalter an den Bänken erneuert, der Turm hat ein Kreuz erhalten.

 

„Mit der Zeit entwickelten wir den Ehrgeiz, jedes Jahr etwas an oder in der Kirche geschehen zu lassen“, schmunzelt Margritta Kurp, die eine glückliche Hand beweist bei der Suche nach Geldgebern. Sie schreibt Unternehmen an, gewinnt einen Landes-Wettbewerb, erinnert Stadtväter an vor Jahren gegebene Förderzusagen, findet Fachleute, die einen Teil ihrer Arbeit spenden und Handwerker im Ruhestand, die sich für einen geringen Lohn einbringen; sie managt den Tausch von Leistungen gegen ein Urlaubsquartier bei einem Förderer, unterhält Kontakt zu Stiftungen, erzielt Spenden von Touristen, die sie jederzeit durch „das Kirchlein“ führt.

 

Ab 2007 werden die Fachwerkwände außen und innen saniert, die Kirche wird trockengelegt, erhält eine neue Tür, das Tonnengewölbe wird aufgearbeitet, der Fußboden neu verlegt. Schließlich werden die Fenster restauriert, die Wände verputzt und gestrichen, Altar, Kanzel, Empore, Gestühl und Sakristeischränkchen restauriert. Auch die Natursteinmauer am Friedhof, Wege und Eingangsbereich sind wieder hergerichtet.

 

Als „das Kirchlein“ im September 2011 mit einem Festgottesdienst für die Gemeinde seine Türen öffnet, fließen nicht nur im Förderverein die Tränen. „Sie ist so schön geworden“, freut sich Lieselotte Sefkow; die Restaurierung der kleinen Fachwerkkirche sei „eine Sache für ewig und für alle“. Und Margritta Kurp, die „den eigentlichen Schatz“ der Dorfkirche darin erkennt, mit Besuchern „über Sinn und Dasein des Lebens“ ins Gespräch zu kommen, freut sich: „Ich bin die am meisten Beschenkte.“

 

MARTINA PLOTHE

Erschienen am 12. November 2011 bei www.das-ist-rostock.de

 

 

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