Alternativmedizin

Heilte sich selbst: Clemens Kuby

Gesund durch Gedanken

 

ROSTOCK-delüx traf den Autor und Filmemacher Clemens Kuby, der sich vor drei Jahrzehnten von seiner Querschnittslähmung nach einem Unfall selbst geheilt hatte.

In Rostock erklärte er sein Verständnis von Gesundheit und Krankheit und hielt einen Workshop zum geistigen Heilen ab. 

 

Sie hat Probleme mit ihrem Kiefer, bekennt die junge Frau in der ersten Reihe. Zähne wurden gezogen, nun bildet sich der Kieferknochen stetig zurück, erzählt sie. An diesem Problem will sie in den nächsten Minuten mit Clemens Kubys Selbstheilungsmethode arbeiten.

Kuby lässt sie tief durchatmen. Wann die Kieferprobleme begonnen haben, will er wissen. In der Kindheit, sagt sie, vielleicht mit sechs oder sieben. „In der Küche gab es eine Schublade, die war immer gefüllt mit Eisbonbons“, erinnert sie sich. Diese Schublade war für sie das Ziel, wann immer sie Langeweile hatte. Clemens Kuby bittet die Frau, sich jetzt gedanklich in das kleine Mädchen zu versetzen, das nach den Eisbonbons greift. „Warum hast du Langeweile?“, fragt er sie dann. „Weil die Mama keine Zeit hat, mit mir zu spielen“, erwidert sie zögernd. „Frag sie, warum sie keine Zeit hat“, ermuntert sie Kuby. „Weil sie kochen muss“, antwortet die Frau leise, und ihre plötzliche Traurigkeit ist offenkundig. „Wo ist der Papa?“, fragt er weiter. Die junge Frau steuert Detail für Detail bei, bis die Szene ihr gegenwärtig ist, so als habe sie eben stattgefunden -- mit aller Verlassenheit, mit allem Zorn und aller Trauer. „Schreib auf, was Du siehst und wie Du Dich fühlst“, fordert Kuby, „das muss alles aufs Papier, wortwörtlich.“

Dann ist für die junge Frau der Moment gekommen, ihr „Drehbuch umzuschreiben“, wie Clemens Kuby es nennt. „Du kreierst jetzt selbst Deinen Kindheitsfilm. Geh zur Mama und mal Dir aus, wie ihr zusammen wunderbar spielt, wie der Papa mitspielt, immer wieder. Mal Dir aus, wie ihr die Bonbons wegwerft, weil ihr die Süße des Lebens endlich gefunden habt. Fahr Deinen Film immer wieder hin und her, bis die Bilder so stark sind, dass Du alles genau spüren, riechen, schmecken kannst…“

„Das Schmerzbild in ein Heilbild umschreiben“, nennt Kuby seine Methode der Selbstheilung. Jedes Problem, jede Krankheit lässt sich für ihn auf diese Weise „auf der mentalen Ebene bereinigen“. Heilung ist für Kuby „keine medizinische, sondern eine philosophische Frage“. Wer sich auf seine Ansicht einlassen mag, den „Menschen nicht nur als biochemisch-materielles, sondern auch als geistig-spirituelles Wesen“ zu betrachten, der versteht auch Kubys Theorie, nach der für Krankheit oder Gesundheit weniger die äußeren Umstände als vielmehr die eigenen Gedanken ausschlaggebend sind: „Der Körper ist dem Geist untergeordnet.“

Clemens Kuby, geboren 1947 in Bayern als Sohn des Publizisten Erich Kuby, Mitbegründer der Partei Die Grünen, preisgekrönter Regisseur und Dokumentarfilmer, ist 33 Jahre alt, als er in einer verregneten Mai-Nacht aus dem Dachfenster seines Studios 15 Meter in die Tiefe stürzt -- und sich mit der ärztlichen Diagnose „querschnittsgelähmt“ konfrontiert sieht. „Heute muss ich mir eingestehen, dass ich diesen Unfall in einem Zustand der Ausweglosigkeit unbewusst herbei geführt habe“, gibt er später zu Protokoll. Ein Jahr lang ist er in der Klinik, die er allerdings -- entgegen allen ärztlichen Prognosen -- auf eigenen Beinen verlässt. Die ersten vier Monate verbringt er quasi bewegungslos im Liegen; alle vier Stunden wird er zur Prophylaxe gegen das Wundliegen in einer Spezialkonstruktion „gewendet wie ein Toast“. „Zwangsmeditation“ nennt er heute, was ihm sein körperlicher Schmerz damals aufzwingt. In diesem Zustand begegnet Kuby seiner Seele.

Er schickt seine Gedanken an einen Ort, an dem nach seinem Verständnis die Welt heil ist und an dem sein Körper heilen kann. Schon im Hubschrauber auf dem Weg in die Klinik hat er sich radikal losgesagt von dem Leben, das er bis dahin führte. Im Krankenhausbett malt er sich täglich und stündlich detailliert seine Zukunftsvision aus: auf eigenen Füßen das Land Ladakh zu bereisen und einen Film zu drehen über das Leben im Westhimalaya -- ohne Straßen, Strom und Touristen, ohne Zucker und weißes Mehl. Mit dieser Vision holt er nach und nach das Leben in seine gelähmte untere Körperhälfte zurück.

Der jungen Frau aus dem Selbstheilungs-Workshop in Rostock werden nach dem Kontakt mit ihrem Heilbild mitnichten die gezogenen Zähne nachwachsen. Sie wird die Übung zu Hause wiederholen, mehrfach, in entspanntem Zustand. Ihr kindliches Verlassenheitsgefühl wird sie solange mit positiven Bildern „überschreiben“, bis sie spürt, dass eine tiefe seelische Last von ihr gewichen ist. Danach kann sie möglicherweise anders an ihren Alltag herangehen; vielleicht hält ihre neue Selbstwahrnehmung gar die Rückbildung ihres Kieferknochens auf. Oder es zeigen sich weitere Themen, die einer Bearbeitung harren -- bis sich für sie in jeder Hinsicht der rechte Biss einstellt.

Alles Spekulation?

Hubert R. H. Jünger aus Flensburg, Unternehmerberater für Bäckereibetriebe, Künstler, Coach und seit 2010 diplomierter Begleiter für Selbstheilungsprozesse, hat die Wirksamkeit von Kubys Mental Healing eindrücklich erfahren. „Ich hatte 46 Jahre lang einmal wöchentlich Migräne“, erzählt der 75-Jährige, der zudem unter Bluthochdruck litt. Vier Jahre lang hat er sich in Mental-Healing-Seminaren Kriegs- und Kindheitstraumata von der Seele geschrieben, hat sein inneres Bild von Mutter und Vater geglättet und „alle Schatten bearbeitet“, um schließlich seiner inneren Stimme zu folgen, die ihm geraten hatte: „Liebe und hilf“. Die Migräne verschwand vor drei Jahren, der Blutdruck normalisierte sich vor kurzem; als SHP-Begleiter mit zwei eigenen Heilgruppen hat Hubert Jünger heute seine Lebensaufgabe gefunden.

In den drei Jahrzehnten, die seit seiner Selbstheilung vergingen, hat Clemens Kuby in aller Herren Länder nicht nur 360 Stunden Filmmaterial über geistiges Heilen gedreht, 13 Filme und drei Bücher zu diesem Thema fertig gestellt, sondern er hat u. a. an seiner Europäischen Akademie für Selbstheilungsprozesse (SHP) ungezählten Menschen die Augen geöffnet für ihre Fähigkeit, ihr Gesunden durch das eigene Denken zu beeinflussen.

„Gedankenhygiene“, also der Verzicht auf negative Gedanken und Worte, ist laut Kuby der erste Schritt auf dem Weg zur Selbstheilung. Der zweite ist die Bereitschaft, auf die innere Stimme, die Intuition zu hören, um eine Vision für die eigene Zukunft zu finden. Der dritte Schritt ist der Mut, alle in der Vergangenheit liegenden Konflikte zu bereinigen. Letzter Schritt: die berufliche, private, gesundheitliche Seelen-Vision Wirklichkeit werden zu lassen.

 

Dem jungen Mann im Rollstuhl, der mit seiner Mutter zum Workshop kam, schreibt Clemens Kuby am Ende seiner Ausführungen eine bedenkenswerte Widmung ins Buch: „Jan, Du bist ein glückliches Wesen, wenn Du es glauben willst.“

MARTINA PLOTHE

Erschienen im Magazin Rostock delüx 1/2011

www.deluex-magazin.de

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