Lebensart

Kennt sich aus mit Kolonialwaren aus aller Herren Länder: Karl-Heinz Raddatz.

Bio-Chutney und Madonnas Hausgetränk

 

Geheimtipp: Neuer Feinkostladen führt Kolonialwaren

 

Was denn eigentlich Kolonialwaren sind, will der junge Mann wissen, der interessiert den Schriftzug am Schaufenster der vormaligen Fleischerei Ahrndt studiert. „Gerda Ahrndt – feine Kost“, steht jetzt dort geschrieben, dazu eine Erklärung in Stichworten: „Fleisch, Wurstwaren, Kolonialwaren, Salate, Partyservice“. Kolonialwaren – nun, der Begriff meint „alles, was aus Übersee eingeführt wird: etwa Tees, Kakao, Kaffee, Öle, exotische Konserven“, klärt Karl-Heinz Raddatz, der Inhaber des vor ein paar Wochen aus der Fleischerei Ahrndt hervorgegangenen exklusiven Feinkosthauses in der Kröpeliner-Tor-Vorstadt, den potenziellen Kunden auf.

Paprikapastete, Bierschinken oder Rindersalami, Wiener Würstchen, Hackepeter oder bestes Schweinefilet werden hier (neben dem berühmten Ahrndtschen Eiersalat!) nun wiederum über den Tresen gereicht. „Knochen für den Hund“ allerdings, nach denen der junge Mann eigentlich Ausschau hielt, fallen in dem Geschäft in der Fritz-Reuter-Straße nicht mehr an. Die Produktion wurde ausgelagert: „Unser Sohn Paul, Fleischermeister in vierter Generation, stellt die Fleisch- und Wurstwaren in seiner – künftig eigenen – Fleischerei nach unseren bewährten Rezepturen her“, erklärt Karl-Heinz Raddatz, der nach einigen Monaten der Neuorientierung die Fleischerkluft gegen die Händlerschürze tauschte.

Seinem nach Fleischerei-Gründerin Gerda Ahrndt benannten Feinkostladen (die Großmutter seiner Frau Gerlind Ahrndt-Raddatz hatte das Geschäft 1936 mit ihrem Ehemann Herbert aus der Taufe gehoben) verhalf Karl-Heinz Raddatz zusammen mit seiner Frau und seinen vier Söhnen zu kultigem Antlitz. Vor lilablauer Wand etwa fungiert ein Nähmaschinentischchen mit Glasplatte als Imbisstisch, dahinter –vielfarbig in handgefertigtem Leinöldruck – stilisierte Kuh-Silhouetten im Posterformat. Dazu Waagen verschiedener Couleur, betagte hölzerne Bierkisten, ein scheinbar improvisierter Tisch auf Sägeböcken. Unter der versiegelten Ziegelmauer fand ein gemütliches orangefarbenes Sofa Platz; hinter dem großmütterlichen Kohleherd prangt ein hundertjähriges Regal aus der elterlichen Biestower Bäckerei. Dessen „Bretter waren schon krummgebogen, als ich noch ganz klein war“, schmunzelt Karl-Heinz Raddatz, der in seinem Laden zwischen 9 und 17 Uhr nicht nur verkauft, sondern auch für seine Kunden kocht.

Außer einem Frühstück mit verschiedenen Kaffeesorten, Brötchen und frischem Aufschnitt oder Salat kann man sich bei „Gerda Ahrndt“ ein warmes Mittagsmahl angedeihen lassen – vorzügliche Soljanka oder täglich wechselnde Eintöpfe, Fleisch- oder vegetarische Gerichte. Wer hier speist, der sollte außerdem genug Zeit mitbringen, auch das ausgefeilte Feinkostsortiment zu studieren und zu probieren: Fleisch und Wurst vom Mecklenburger Bio-Bauern, Honig vom heimischen Imker, Fisch und Käse, dazu originell getaufte Marmeladen, Konfitüren und Senf-Zubereitungen aus kleinen Manufakturen, Konserven, Säfte und Smoothies, Szene-Getränke, Bio-Tees und -Kakao, Chutneys, Öle, Pasta, Risotto, Liköre oder Weine. „Als Kaffeebegleiter“ empfiehlt Karl-Heinz Raddatz übrigens ein stilles Wasser in hübsch aufgemachten Flaschen: Dieses Wasser, so entsinnt er sich augenzwinkernd eines Amerikabesuchs, sei das Hausgetränk von Pop-Ikone Madaonna…

MARTINA PLOTHE

Erschienen am 06.01.2012 bei www.das-ist-rostock.de

 

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